Das einfache Weltbild der PC gefährdet die moderne liberale Gesellschaftsordnung. Denn es werden nicht nur Diskurse bewusst verengt und empirische Realitäten verfälscht oder verdrängt, sondern es werden die Grundlagen des modernen Gesellschaftsvertrags (Kersting 2005), des Kontraktualismus, in Frage gestellt. „Opferstatus“-bedingte Sonderrechte führen zu einer nicht-egalitären Rechtsprechung, zu „kulturbedingten“ Sonderrechten, die die rechtsstaatliche Nachvollziehbarkeit von Verwaltungsakten konterkarieren. Minderheiten diktieren per intransparentem „moralischem Dekret“ was richtig und falsch, gut und böse, human und inhuman ist.
Empörungsinszenierungen hindern eine komplexe Gesellschaft am offenen Diskurs über schwierige Sachverhalte. Die PC erlaubt Empörungskampagnen, die maximale ethische Vorstellungen einfordern, ohne den pragmatischen Realitäten der Situation gerecht zu werden. Gesinnungsethiker können im Schatten der Anonymität ihre Ziele durch Strategien moralischer Erpressung und der Penetrierung staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen durchsetzen. Dabei bleibt das Gefühl des Gutseins, das in konkreten Situationen gar nicht eingelöst werden muss. Ein abstraktes Like zu Menschenrechten beruhigt das rechtfertigungsgezwungene Individuum. Aber das Abstrakte reicht nicht.
Menschen wie Sarazzin werden dämonisiert. Damit tut man zunächst psychologisch, was Nazis physisch getan haben - die Entmenschlichung des Gegners. Traurig, aber der Mensch hat Angst vor Differenzierung und läuft Problemen lieber davon als ihnen ins Auge zu schauen.