Die TAZ stellt die Glaubwürdigkeit des großen "Demokraten" Erdogan in Frage und zeigt, dass man auch ab und an zu differenzierten Urteilen fähig ist.

Vor zehn Jahren trat er an, den politischen Islam zu demokratisieren und die Türkei zu einem demokratischen Land zu machen. Doch nach einem positiven Anfang ist der Liberalisierungsprozess ins Stocken geraten, wenn nicht gar rückläufig. Ob im Kurdenkonflikt, bei der Meinungsfreiheit oder der Situation der Christen in der Türken - in den meisten Punkten ist Erdogan nicht über großspurige Ankündigungen hinausgelangt. Und seit der Entmachtung des kemalistischen Establishments kann er auch nicht länger reformfeindliche Kräfte als Grund dafür vorschieben.

Nachdem noch die absurde Verschwörungstheorie in Bezug auf Deutschland und die PKK kritisiert wird, endet der Artikel mit einem großen Epilog:

Erdogan aber hat mit seiner Tirade gegen die Assimilation als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gezeigt, worum es ihm geht: Nicht die Rechte des Individuums zählen, es zählt die bedingungslose Zugehörigkeit des Einzelnen zu einem Kollektiv, dem "Türkentum", dem Islam, der keinen Austritt aus der Religionsgemeinschaft kennt. Nein, Herr Erdogan, wir gehören nicht zusammen.